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Der Lebenszyklus heute geplanter Gebäude reicht
weit ins neue Jahr-tausend hinein. Die Anforderungen
an zukunftssichere Gebäude sind vielschichtig
und erstrecken sich vom Wunsch nach thermischer, visueller
und akustischer Behaglichkeit, gesunden Arbeitsplatz-bedingungen,
niedrigem Energieverbrauch, geringer Umweltbelastung
bei Herstellung und Betrieb bis hin zu höchster
Wirtschaftlichkeit.
Die Forderung des Nutzers nach größtmöglicher
Qualität und Wirtschaft-lichkeit kann dabei nur
bei Kenntnis der vielfältigen Zusammenhänge
zwischen Architektur, Bauphysik, Anlagentechnik und
deren Einfluss auf die Umwelt erfüllt werden.
An dieser Schnittstelle setzt die Integrale Planung
an. Die Integration aller an der Planung Beteiligten
ist die Voraussetzung, Gebäude ökonomisch
und ökologisch effizient zu planen und zu errichten.
Design to Cost ist
mehr als ein Programm, es ist eine neue Sichtweise,
an Planungs-aufgaben heranzugehen. Ehe wir uns verlieren
in kostensparende Detaillösungen, sind Synergien
zu entdecken, die in der Zielvorstellung integralen
Planens liegen.
Das optimale Ergebnis integralen Planens können
wir in der Natur ablesen. Seit mehreren 100 Millionen
Jahren baut, konstruiert und verfeinert die Natur
ihre Lebewesen und deren Schutzhüllen. Dabei
tritt die Evolution immer interdisziplinär auf
- ja sie verfolgt mehrere Prinzipien, nutzt Synergien
und optimiert den Einsatz von Ressourcen,
Materialien und Energien.
Der Mensch baut seit einigen tausend Jahren Häuser,
in denen er sich mit der notwendigen Schutzhülle
umgibt und hat sich lange Zeit die Erfahrungen der
Natur zu eigen gemacht.
In einer Zeit, in der sich technisiertes Bauen entwickelte,
in der Zeit scheinbaren Material- und Energieüberflusses
wurden diese Erfahrungen zurückgedrängt
und - koste es, was es wolle - das technisch Machbare
angestrebt.
Heute leben wir wiederum in einer Zeit der Verknappung,
man tut wieder gut daran, dem Baumeister Natur über
die Schulter zu schauen und Evolutionsprinzipien zu
reflektieren. Als wichtigstes Prinzip ist in diesem
Zusammenhang sicherlich das Prinzip der Integration
anzusehen, in der alle Aufgaben interdisziplinär
gelöst werden.
Aufgespalten in viele Disziplinen, wird der Baubereich
mehr additiv gesehen als integral, mehr nacheinander
zusammengesetzt als in einem Guss betrachtet. Die
einzelnen Disziplinen dürfen nicht mehr hierarchisch
und additiv betrachtet, sondern müssen als integraler
Planungsprozess verstanden werden, in dem nicht ein
Gewerk einem Optimum zugeführt wird, sondern
ein interdisziplinäres System ganz-heitlich zu
einem Optimum unter Würdigung des Einsatzes von
Ressourcen, Material und Energie wird.
Erst ein solches Vorgehen lässt Optimierungen
wirklich zu, erlaubt flexible Anpassung der Organisation
an sich verändernde Markt-anforderungen, qualifizierte
Verfügbarkeit der erforderlichen technischen
Infrastruktur einschließlich der heute unerlässlichen
Informations-technologien.

Es gibt wohl kaum einen optimierteren Materialeinsatz
als beim Wachsen eines Baumes. Man hat in einer wissenschaftlichen
Unter-suchung Materialbeschaffenheit und Dimensionen
des verzweigten Astwerkes analysiert und festgestellt,
dass jeder Querschnitt, bezogen auf den Standort,
die Windhäufigkeit, Windstärke und den Blattbewuchs,
optimal und richtig bemessen ist, sogar externe Lasten
wie Schnee und Winddrücke als Sicherheit richtig
bemessen werden.

Der Termitenbau ist ein weiteres Wunderwerk der Evolution.
Der Wind, der über den Termitenbau streicht,
setzt ein ganz raffiniertes Ventilations-system in
Bewegung. Da sich die Luft um den Termitenbau schneller
bewegt, entsteht im oberen Bereich ein Unterdruck,
der verbrauchte Luft aus dem Bau heraus saugt.
Die tiefer liegende Frischluftöffnung ergibt
eine geodätische Höhen-differenz, die Auftriebskräfte
freisetzt, welche ebenfalls zu einer Luft-zirkulation
führen. Dazu graben die Termiten 20 bis 30 Meter
tief Kanülen ins Erdreich, bis sie auf eine Wasserader
stoßen, so dass Feuchtigkeit in den Bau gelangen
kann, dort verdunstet und ebenfalls Wärme auf-nehmen
kann. Termiten können somit in den heißesten
Klimazonen leben.

Das weiße Fell des Eisbären ist eine transluzente
Wärmedämmung, Tarnfarbe im Eis und ein ökologisches
Gesamtsystem. Die Wärme des Sonnenlichtes wird
durch das Fell geleitet und von der darunter liegenden
schwarzen Haut absorbiert.
Die Strategie der transparenten Wärmedämmung
findet man in der Natur sehr häufig. Schaumzikaden
erzeugen einen Eiweißschaum, um ihre Puppen
zu schützen. Dieser Schaum erzeugt wiederum als
transparente Wärmedämmung ein Mikroklima.
Ebenso haben viele Pflanzen in kalten Regionen einen
transparenten oder halbtransparenten Haarbeleg, der
die kurze Vegetationsperiode durch die Erhöhung
der Blatttemperatur verlängert.

Mit Gebäuden, die - wie ein Bauernhaus - über
einen langen Entwicklungszeitraum verfügen und
über mehrere hundert Jahre hinweg gebaut wurden,
hat man ähnliche energie- und kostenstrategische
Ziele verfolgt. Menschen, die Gebäude durch ihrer
Hände Arbeit, nämlich mit selbstgeschlagenem
Holz heizen, verhalten sich anders als Menschen, die
in Gebäuden leben, die durch Knopfdruck mit Fernwärme,
Öl oder Gas beheizt werden.
Das Bauernhaus ist ein typisches Ökosystem- eine
Kombination aus Kalt- und Warmzonen, Ausnutzung von
Tierwärme und vielfältigen integrierten
Funktionen. Diese Strategien, die wir in der Natur
beob-achten können, dienen dem Ziel des optimalen
Materialeinsatzes und des optimalen Energieeinsatzes.
Im Hinblick darauf einige Beispiele, die die Idee
des integralen ganzheitlichen Planens als Produkt
der Evolution aufgreifen.
Doppelschalige Bauweisen
Wie bereits ausgeführt, kennt die Natur die Vorteile
des doppelschaligen Bauens bei vielen Lebewesen und
deren Schutzhüllen, nicht zuletzt kann auch der
Mensch durch seine unterschiedlichen Temperaturbereiche
sich den Außenverhältnissen warm/kalt sehr
gut anpassen.
Doppelschalige Fassaden sind seit vielen Jahren bekannt
und wurden anfänglich als Abluftfassaden konzipiert.
Die in den 70er Jahren auf-kommenden Großraumbüros
besaßen die Eigenschaften des hohen Wärmeüberschusses
im Innenbereich durch die Wärmeproduktion von
Menschen, Arbeitsmaschinen und Beleuchtungskörpern.
Trotzdem war eine Fassadenaufheizung zur Reduzierung
der Kälte-abstrahlung im Fassadenbereich notwendig.
Dieses Problem konnte gelöst werden, indem man
den Wärmeüberschuss des Innenbereiches mittels
Luft in eine doppelte Fassade führte. Fassade
und Technik-system bilden somit eine integrale Einheit.
Diese Abluftfassaden haben sich weiterentwickelt und
werden heute insbesondere beim Bau von Hochhäusern
eingesetzt, um die Nutzräume möglichst lange
natürlich be- und entlüften zu können.
Während bei der Abluftfassade die Wärmedämmhaut
außen liegt, jedoch völlig luftdicht ausgeführt
ist, und die innere aufklappbare Einfachglasscheibe
nur zur Bildung des Lüftungskanals dient, bildet
die äußere Scheibe der Doppel-fassade eine
Wetterhaut mit Luftein- und -austrittsöffnungen,
wobei die Wärmedämmhaut die innere, mit
öffenbaren Drehkippfenstern ausge-stattete Fensterebene
ist.
Die
äußere Scheibe ist sozusagen der "Wellenbrecher
eines Hafen-beckens", an der sich die Windkräfte
brechen, die zur Belüftung des Raumes nutzbar
gemacht werden können. Solarenergie kann in dieser
Doppelfassade absorbiert werden und Tageslichtlenkelemente
sowie die Sonnenschutzeinrichtungen können wettergeschützt
untergebracht werden. Insgesamt wiederum ein integrales,
ganzheitliches Fassaden- und Techniksystem.
Doppelschalige Fassaden werden sich auch in Zukunft
weiter-entwickeln und weitere Bauteile, wie Photovoltaiksysteme
zur Energiegewinnung und Holographiesysteme zur Lichtlenkung
werden miteinbezogen.
Sich selbst regelnde Systeme
Wie oben erwähnt, bildet der Termitenbau ein
sich selbst regelndes System: Bei steigenden Temperaturen
im Inneren erhöhen sich die Auftriebskräfte
und die Luftdurchströmung wird zum besseren Wärme-abtransport
durch Windkräfte unterstützt.

Dieses Prinzip wird heute bei größeren
Glashallen angewendet, die, natürlich be- und
entlüftet, im Sommer annehmbare Raumtemperaturen
aufweisen. Gleichzeitig dienen diese Hallen und Wintergärten
als Energiepuffer, so wie die unterschiedlichen Wärmezonen
bei einem Bauernhaus Wärmeverluste reduzieren.
Bauteilheizung und -kühlung

Die Temperaturregelung des Menschen erfolgt über
den Strahlungs-austausch der Hautoberfläche mit
den den Menschen umgebenden Wand-, Decken- und Bodenflächen.
Die Wärmeabgabe des Menschen bei unterschiedlichen
Raumtemperaturen wird im obig ersichtlichen Diagramm
veranschaulicht.
Der höchste Anteil der Wärmeabgabe bei normalen
Raumtemperaturen erfolgt über den Strahlungsaustausch,
die Anteile der Wärmeabgabe über Konvektion
und Verdunstung sind bedeutend geringer. Gleichzeitig
strömt an jedem Menschen, bedingt durch die Wärmeabgabe
von ca. 100 W je Person und Stunde, 80 bis 100m3 Luft
pro Stunde vom Boden zum Deckenbereich.
Unsere üblichen Lüftungs- und Heizungssysteme
übertragen die dem Raum fehlenden Energiemengen
im wesentlichen aber über Konvek-tionssysteme
(nur bei den heute verwendeten, sehr aufwendigen Kühl-decken
wird Energie über Strahlungsaustausch übertragen).
Die Konvektionssysteme stören den natürlichen
Lufthaushalt des Menschen und erzeugen insgesamt keine
befriedigenden Ergebnisse, was sich in einem Diskomfort
ausdrückt, der durch einen unterschied-lichen
nutzerbezogenen Wunsch, die Temperaturen zu verändern,
kompensiert wird.
Die Umsetzung dieser Aufgabenstellung führt wiederum
zu komplizierten technischen Systemen und zu aufwendigen
regelungstechnischen Anlagen. Zur Vereinfachung der
technischen Systeme und zur Ver-besserung des Komfortempfindens
werden daher heute Bauteilheiz- und Bauteilkühlsysteme
konzipiert, die Wärme- und Kälteenergien
fast unein-geschränkt durch Strahlungsaustausch
übertragen.
Hierzu werden Rohrsysteme im Beton oder Estrich integriert,
die im Winter mit Warmwasser und im Sommer mit Kaltwasser
durchflossen werden. Bedingt durch gute Wärmedämmeigenschaften
heutiger Fassaden und gute Sonnenschutzsysteme, insbesondere
aber auch dadurch, dass die Austauschfläche die
gesamte Fußboden- und Deckenfläche umfasst,
kommt man mit einem sehr geringen Temperaturniveau
aus.
Zur Beheizung werden 25° C und zur Kühlung
20° C benötigt. Damit wird ganzjährig
eine fast gleichmäßige Fußboden-
und Deckentemperatur von 22 bis 24° C erzielt.
Lastschwankungen werden durch den Beton-speicher der
Decke abgefangen, der Strahlungsaustausch erfolgt
optimal.
Komplizierte Regelsysteme sind nicht erforderlich
und auf Grund der Trägheit der Speichermassen
auch nicht sinnvoll. Günstig wirkt sich auch
das niedrige Temperaturniveau aus, weil Umweltenergien
genützt werden können - Erdspeicher- und
Wärmepumpen, Geothermie-Systeme und Kühlwassererzeugung
im Erdreich oder in Kühltürmen können
eingesetzt werden.
Insgesamt ein einfaches, preiswertes und wirtschaftliches
Gesamt-system, das Rohbau, Fassade und Technik ganzheitlich
integriert. Gebäude, die nach diesem Prinzip
funktionieren, sind schon seit einigen Jahren in Betrieb
und die Betriebserfahrungen werden als sehr positiv
beurteilt.

Bauteilheiz- und Kühlsystem mit integrierter
Elektro-, Luft- und Datenversorgung
Die Reihe der Beispiele integralen Planens und des
Aufdeckens von Synergien innerhalb der verschiedenen
Disziplinen, muss weiter fortgesetzt werden. Die Optimierungsvorgänge
sind noch lange nicht abgeschlossen, doch die Ziele
sind bereits mehr als nur Visionen.
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